Auf der Suche nach Cents – Wer hilft in Berlin?

Über die Selbstverständlichkeit zu helfen- in der Hauptstadt der Obdachlosen

Auf den ersten Blick sieht man sie nicht. Man muss schon genauer hinschauen, wenn man sie entdecken möchte. Doch sie sind da. Die meisten verstecken sich in Parks oder unter Brücken. Andere setzen sich auf die Straße. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind obdachlos. Angewiesen auf die Hilfe von vorbeilaufenden Passanten. Ein Zuhause kennen diese Menschen nicht. Jeder Tag ist wie ein neuer Kampf ums Überleben auf den Straßen Berlins. Ein paar Cents, das reicht schon für etwas zu essen, mehr wollen sie nicht. Doch wie selbstverständlich ist es eigentlich für die Menschen, Obdachlosen zu helfen?

 

Die meisten gehen an ihm vorbei. Nur wenige Passanten spenden Kleingeld. Ein Obdachloser in Berlin-Steglitz. Jeder Tag ist wie ein Kampf ums Überleben für ihn.

Die meisten gehen an ihm vorbei. Nur wenige Passanten spenden Kleingeld. Ein Obdachloser in Berlin-Steglitz. Jeder Tag ist wie ein Kampf ums Überleben für ihn.

 

Helfen oder doch nicht helfen?

Jeden Morgen, um Viertel vor sieben, schließt Ingrid H., 55, ihre Wohnung ab. Sie wohnt in der Schildhornstraße in Berlin-Steglitz, in der Nähe des U-Bahnhofes „Schlossstraße“. Sobald sie aus dem Haus geht, sieht sie ihn schon: Den Obdachlosen. Er sitzt immer vor der gleichen Wand auf dem Parkplatz unter der Autobahn-Brücke, die ihm Schutz bietet vor Wind, Kälte und Regen. Seine fünf, sechs LIDL-Tüten, in denen er mühsam sein ganzes Hab und Gut durch Berlin schleppt, versteckt er unter einer braunen abgenutzten Decke. Ingrid schätzt ihn „um die Dreißig“ und beschreibt sein Äußeres als „etwas ungepflegt“. Trotzdem hat er ein nettes, freundliches Gesicht, wie sie findet. Obwohl sie noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hat, fühlt es sich so an, als kenne sie ihn schon eine Ewigkeit.

„Er sitzt jeden Morgen dort und isst sein Frühstück. Meistens ist es ein Brötchen, dass er sich frisch beim Bäcker am Walther-Schreiber-Platz holt, sobald er die 25 Cents zusammen hat“.

Jedes Mal wenn Ingrid ihn sieht, ist sie irgendwie beruhigt, dass ihm nichts passiert ist. Seitdem sie vor zwei Jahren in die Wohnung nach Steglitz gezogen ist, sieht sie den Obdachlosen jeden Tag. Immer wenn sie die Möglichkeit hat, gibt sie ihm Geld. Er ist einer von etwa 10.000 Obdachlosen in Berlin.

„Auch wenn es nur ein paar Cents sind, sehe ich jedes Mal, wie er sich darüber freut. Sein ganzes Gesicht strahlt und er nickt mir freundlich zu. Ich freue mich dann auch, weil ich etwas Gutes getan habe“, erzählt Ingrid weiter. Auch in der U-Bahn sieht sie oft Obdachlose, die Zeitungen verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ab und zu gibt sie ihnen etwas Kleingeld. Doch sie kann nicht allen helfen, dafür reicht ihr Gehalt nicht aus, sagt sie. Sie ist Verkäuferin.

Jedoch nicht alle Leute denken so wie Ingrid H. Klaus S., 45, ist ebenfalls Verkäufer gibt obdachlosen Menschen oder „diesen Pennern“, wie er sie nennt „nie auch nur einen Cent“. Er wohnt in Berlin-Wilmersdorf. Jeden Freitag geht er in seinen Lieblingssupermarkt am Breitenbachplatz einkaufen. Immer wenn er Obdachlose sieht, geht er an ihnen vorbei und ignoriert sie. Nur manchmal sieht er zu ihnen hin. „Wenn sie zum Beispiel etwas hochhalten schaue ich es mir an. Da steht manchmal „Hilfe“ auf einem kleinen Papier geschrieben“, erzählt er etwas genervt. Das soll das Mitleid der Passanten erwecken, meint Klaus S. und verzieht das Gesicht. Doch er habe kein Mitleid mit ihnen. Man könne sich ja auch nicht sicher sein, ob sie wirklich obdachlos sind oder ob sie es nur vortäuschen.                       Klaus S. kann nicht verstehen, wie die Obdachlosen jeden Tag stundenlang auf der Straße sitzen und sich nicht eine andere Möglichkeit suchen, Geld zu verdienen, wie zum Beispiel eine Arbeit.

 

Obdachlose wissen, was Einsamkeit bedeutet. Manchmal sieht man sie mit ihren Hunden, die den schwierigen Alltag mit ihnen teilen.

Obdachlose wissen, was Einsamkeit bedeutet. Manchmal sieht man sie mit ihren Hunden, die den schwierigen Alltag mit ihnen teilen.

Heute obdachlos, morgen orientierungslos?

Obwohl viele Obdachlose einen Schulabschluss haben, reicht das oft nicht aus für einen Job. Der Grund ist die Arbeitslosigkeit selbst. Wie werden Menschen obdachlos? Die Gründe für Obdachlosigkeit sind laut des „Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit“ vielfältig. Viele verlieren nach der Trennung vom Partner die gemeinsame Wohnung und einen Teil des gemeinsamen Einkommens. Andere fliehen vor Gewalt im Elternhaus.

Wer einmal obdachlos geworden ist, findet den Weg in ein normales und geregeltes Leben zurück nur schwer wieder. Doch es gibt auch Verbände und Organisationen in Berlin, die den Obdachlosen helfen, einen Alltag in ihrem chaotischen Leben herzustellen.

Solche Organisationen sind zum Beispiel „Die Brücke“ und „Obdachlose machen mobil“. Diese betreuen Obdachlosen-Projekte und dienen als Vermittler zwischen Betroffenen und den Menschen, die gerne helfen möchten. Sie versorgen Obdachlose in den jeweiligen Einrichtungen mit Kleidung, Nahrung, Medikamenten und geben ihnen einen Platz zum Übernachten.

Das Projekt „Strassenfeger“ ermöglicht Obdachlosen sogar, ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie verkaufen die gleichnamige Zeitung in der U-Bahn. Von den 1,50 Euro, die sie kostet, dürfen die Obdachlosen 90 Cent behalten. So wird ihnen ein kleines Einkommen und ein Alltag ermöglicht.

Auch der „Kältebus“ der „Berliner Stadtmission“ ist besonders in der kalten Jahreszeit eine große Hilfe für Obdachlose. Der Kältebus sammelt sie an sehr kalten ein und bewahrt sie vor dem Erfrieren. Zudem versorgt er sie mit heißen Getränken und warmen Decken.

Was ist zuletzt besser? Vor Ort an Obdachlose spenden so wie Ingrid H. es tut oder direkt an Organisationen? Viele sind sich nicht sicher. Eventuell ist die Aufklärung über die Obdachlosen-Verbände zu gering und man müsste dieses Thema mehr diskutieren und näher an die Menschen heranführen.

Vielleicht würden dann auch Leute wie Klaus S. irgendwann auch eine kleine Summe an die Organisationen spenden, mit dem Wissen, dass dort ihr gespendetes Geld sinnvoll genutzt würde. Dann könnte noch mehr obdachlosen Menschen geholfen werden, eine bessere Zukunft aufzubauen oder wenigstens ihnen etwas Glück mitgegeben werden, auf ihrem langen Weg der Obdachlosigkeit.

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2 Antworten zu Auf der Suche nach Cents – Wer hilft in Berlin?

  1. Das Spenden von Kleingeld an die Bettelnden stellt die Hilfsbereiten vor mehrere Probleme:
    1. Steckt hinter den Bettelnden eine mafiöse Organisation, die Menschen in diese erniedrigende Position zwingt und ihnen das Geld hinterher abnimmt?
    2. Fördere ich durch meine Spende den Konsum von Alkohol und Drogen?
    3. Haben diese Menschen tatsächlich kein Harz4?
    4. Sind diese Menschen tatsächlich alle obdachlos?
    5. Muss ein Mensch in Deutschland auf der Straße leben?
    6. Warum lieber Betteln als soziale Einrichtungen aufsuchen? Denn Essen, Kleidung, Hygieneangebote sowie diverse andere Angebote stehen in vielen sozialen Einrichtungen bereit? Auch helfen Sozialarbeiter beim Ausfüllen von H4-Anträgen und dem Umgang mit Behörden.
    All das sind Fragen und Gedanken, die sich vorbeigehende Menschen stellen, die eig hilfsbereit sind.

    Ich persönlich bin seit Winter 2009 in der Obdachlosenhilfe aktiv und spende kein Geld an Bettelnde, kaufe aber die Obdachosenzeitung. Anstelle einer Geldspende kaufe ich eine Kleinigkeit zum Essen, weil ich weiss, dass z.B. Straßenzeitungsverkäufer sehr lange ohne Proviant unterwegs sind. Wichtig dabei ist: Diese Nahrungsmittel sollten originalverpackt sein, damit sich die Obdachlosen sicher sein können, dass es nicht vergiftet wurde. Ebenfalls sollte es nicht zu hart sein, denn viele haben wenig Zähne, aber noch eine Weile im Rucksack/Tüte durchhalten ohne zerdrückt zu werden, damit es als Wegzehrung dienen kann. Bananen ziemlich perfekt und beliebt bei den Menschen. Der Gedanke an Essen ist naheliegend, aber jeder Mensch sollte auch eine Mindestmenge pro Tag trinken, im Sommer sowieso aber auch in den teilweise überhitzen U-Bahnen. Kleine Flaschen mit Saftschorle, Mineralwasser… auch Kleinigkeiten wie Taschentücher sind praktisch, denn die kaufen wir im 30er-Paket, was kein Obdachloser tun würde.
    Auch nicht zu vergessen sind die Tiere, zumeist Hunde, die oftmals mit Brot aus den sozialen Einrichtungen gefüttert werden, weil kaum Spenden mit Tiernahrung eingehen. Durch die übermäßige Zufuhr von Kohlenhydraten/ Zucker kommt es bei Hunden zu Krankheiten, vorwiegend Diabetes und daraus resultierend grauer Star und letztendlich Erblindung. Im Supermarkt gibt es viele kleine Verpackungen mit Hundefutter.
    Auch wenn die Hemmschwelle groß ist, mit Obdachlosen in Kontakt zu treten, finde ich es sehr schön, mit dem Menschen auch ein paar Worte zu wechseln. So kann man vor Betreten eines Supermarktes/ Einkaufscenter fragen, ob er etwas trinken oder essen möchte. Oder wenn man mit dem Einkauf heraus kommt, fragen ob er ein Päckchen Taschentücher, Feuchttücher, Probepackung Duschgel… (was man halt so im Wagen/Tüte hat und erübrigen kann) benötigt. Viele freuen sich sehr, wenn sie einfach mal nicht ignoriert werden, und wenn jemand von den normalen Leuten an sie und sogar MIT-denkt.
    Viele Grüße vvon den Straßenseiten Wieczorama (◔‿◔) | Mein Fotoblog

  2. Das Spenden von Kleingeld an die Bettelnden stellt die Hilfsbereiten vor mehrere Probleme:
    1. Steckt hinter den Bettelnden eine mafiöse Organisation, die Menschen in diese erniedrigende Position zwingt und ihnen das Geld hinterher abnimmt?
    2. Fördere ich durch meine Spende den Konsum von Alkohol und Drogen?
    3. Haben diese Menschen tatsächlich kein Harz4?
    4. Sind diese Menschen tatsächlich alle obdachlos?
    5. Muss ein Mensch in Deutschland auf der Straße leben?
    6. Warum lieber Betteln als soziale Einrichtungen aufsuchen? Denn Essen, Kleidung, Hygieneangebote sowie diverse andere Angebote stehen in vielen sozialen Einrichtungen bereit? Auch helfen Sozialarbeiter beim Ausfüllen von H4-Anträgen und dem Umgang mit Behörden.
    All das sind Fragen und Gedanken, die sich vorbeigehende Menschen stellen, die eig hilfsbereit sind.

    Ich persönlich bin seit Winter 2009 in der Obdachlosenhilfe aktiv und spende kein Geld an Bettelnde, kaufe aber die Obdachosenzeitung. Anstelle einer Geldspende kaufe ich eine Kleinigkeit zum Essen, weil ich weiss, dass z.B. Straßenzeitungsverkäufer sehr lange ohne Proviant unterwegs sind. Wichtig dabei ist: Diese Nahrungsmittel sollten originalverpackt sein, damit sich die Obdachlosen sicher sein können, dass es nicht vergiftet wurde. Ebenfalls sollte es nicht zu hart sein, denn viele haben wenig Zähne, aber noch eine Weile im Rucksack/Tüte durchhalten ohne zerdrückt zu werden, damit es als Wegzehrung dienen kann. Bananen ziemlich perfekt und beliebt bei den Menschen. Der Gedanke an Essen ist naheliegend, aber jeder Mensch sollte auch eine Mindestmenge pro Tag trinken, im Sommer sowieso aber auch in den teilweise überhitzen U-Bahnen. Kleine Flaschen mit Saftschorle, Mineralwasser… auch Kleinigkeiten wie Taschentücher sind praktisch, denn die kaufen wir im 30er-Paket, was kein Obdachloser tun würde.
    Auch nicht zu vergessen sind die Tiere, zumeist Hunde, die oftmals mit Brot aus den sozialen Einrichtungen gefüttert werden, weil kaum Spenden mit Tiernahrung eingehen. Durch die übermäßige Zufuhr von Kohlenhydraten/ Zucker kommt es bei Hunden zu Krankheiten, vorwiegend Diabetes und daraus resultierend grauer Star und letztendlich Erblindung. Im Supermarkt gibt es viele kleine Verpackungen mit Hundefutter.
    Auch wenn die Hemmschwelle groß ist, mit Obdachlosen in Kontakt zu treten, finde ich es sehr schön, mit dem Menschen auch ein paar Worte zu wechseln. So kann man vor Betreten eines Supermarktes/ Einkaufscenter fragen, ob er etwas trinken oder essen möchte. Oder wenn man mit dem Einkauf heraus kommt, fragen ob er ein Päckchen Taschentücher, Feuchttücher, Probepackung Duschgel… (was man halt so im Wagen/Tüte hat und erübrigen kann) benötigt. Viele freuen sich sehr, wenn sie einfach mal nicht ignoriert werden, und wenn jemand von den normalen Leuten an sie und sogar MIT-denkt.
    Viele Grüße vvon den Straßenseiten Wieczorama (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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